Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden während der Schwangerschaft. Etwa 50 % der Schwangeren klagen über sogenannte „Kreuzschmerzen“, die sich bis zur Geburt oft verstärken können. Du merkst es vielleicht selbst: Die Schwangerschaft bringt zahlreiche körperliche Veränderungen mit sich, die häufig zu Beschwerden wie Rückenschmerzen, Verspannungen oder Problemen mit der Haltung führen.
Besonders wichtig ist daher die frühzeitige Unterstützung durch gezielte Krankengymnastik während der Schwangerschaft. Dabei hilft die Physiotherapie nicht nur bei akuten Beschwerden, sondern ist auch präventiv einsetzbar und bereitet deinen Körper optimal auf die Geburt und die Rückbildung vor. Durch aktives Beckenbodentraining kannst du außerdem einer möglichen Inkontinenz nach der Geburt vorbeugen. In diesem Ratgeber zeigen wir dir, warum Physiotherapie in der Schwangerschaft so wertvoll ist, welche Übungen dir helfen können und worauf du achten solltest, um deine Schwangerschaft beschwerdefreier zu erleben.
Warum Physiotherapie in der Schwangerschaft so wichtig ist
In der Schwangerschaft durchläuft Dein Körper enorme Veränderungen. Diese aufregende Zeit bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich, die Dein Wohlbefinden beeinträchtigen können. Physiotherapie während der Schwangerschaft bietet dabei nicht nur Linderung bei akuten Beschwerden, sondern unterstützt Deinen Körper auch präventiv.
Veränderungen im Körper verstehen
Der weibliche Organismus passt sich in der Schwangerschaft kontinuierlich an. Das wachsende Baby führt zu einer Verschiebung des Körperschwerpunkts, wodurch sich Deine Statik und Haltung verändert. Gleichzeitig sorgt das Hormon Relaxin dafür, dass Bänder und Gelenke elastischer werden – ein notwendiger Prozess zur Vorbereitung auf die Geburt, der jedoch häufig zu Instabilität und Schmerzen führt.
Außerdem erhöht sich Dein Blutvolumen um bis zu 40%, was die Durchblutung verbessert, aber auch Schwellungen begünstigen kann. Der gesamte Stoffwechsel stellt sich um, und die Flüssigkeitsmenge in Deinem Körper nimmt während der Schwangerschaft um rund acht Liter zu.
Typische Beschwerden und ihre Ursachen
Durch die körperlichen Anpassungen entstehen häufig Beschwerden. Etwa 60% der Schwangeren entwickeln früher oder später Probleme im Bereich von Rücken, Becken oder Beinen. Die veränderte Statik und das zusätzliche Gewicht belasten besonders die Lendenwirbelsäule. Viele Frauen fallen unbewusst in ein Hohlkreuz, was den Druck auf die Wirbelsäule erhöht.
Auch die Lockerung der Bänder im Beckenbereich kann zu Instabilität und Schmerzen führen, die bis in die Beine ausstrahlen. Weitere häufige Beschwerden sind:
- Symphysenschmerzen durch die Lockerung der knorpeligen Verbindung am Schambein
- Wassereinlagerungen durch veränderte Blutzirkulation
- Darmträgheit und Verstopfung durch hormonelle Umstellungen
- Kurzatmigkeit durch den Druck der wachsenden Gebärmutter auf das Zwerchfell
Wie Physiotherapie gezielt helfen kann
Physiotherapie ist eine wirksame Methode, um schwangerschaftsbedingte Beschwerden zu lindern. Durch gezielte Übungen kannst Du Verspannungen lösen und Deine Muskulatur stärken. Besonders wichtig ist dabei:
Die Beckenbodenunterstützung: Ein gezieltes Training hilft, eine gute Beckenbodenstabilität aufzubauen, was spätere Probleme wie Inkontinenz vermeiden kann. Du lernst dabei, die verschiedenen Muskelschichten wahrzunehmen und sie sowohl zu kräftigen als auch zu entspannen.
Rückenstabilisation: Aktive Übungen kräftigen gezielt die Muskulatur der Lendenwirbelsäule und beugen Verspannungen vor. Zudem können manuelle Techniken Blockaden lösen und verspannte Muskeln entspannen.
Lymphdrainage und Aktivierungsübungen für die Beinmuskulatur fördern die Durchblutung und verringern Schwellungen.
Außerdem bereiten Atemübungen Deinen Körper optimal auf die Geburt vor, indem sie Stress abbauen und die Sauerstoffversorgung verbessern. Die regelmäßige physiotherapeutische Betreuung bietet Dir zudem einen sicheren Raum, um über Deine Beschwerden zu sprechen und individuelle Lösungen zu finden.
Wann Physiotherapie sinnvoll und erlaubt ist
Grundsätzlich ist Physiotherapie während der gesamten Schwangerschaft erlaubt und kann sowohl präventiv als auch bei bestehenden Beschwerden angewendet werden. Die richtige Begleitung durch diese besondere Zeit hilft dir, Beschwerden zu lindern und deinen Körper optimal auf die Geburt vorzubereiten.
Indikationen für Krankengymnastik in der Schwangerschaft
Etwa 50-70% aller schwangeren Frauen leiden unter Schmerzen im unteren Rückenbereich. Diese können zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft auftreten und zwischen den unteren Rippen und dem Gesäß, manchmal sogar mit Ausstrahlungen bis zum Knie oder zur Wade spürbar sein. Der wachsende Babybauch verschiebt deinen Körperschwerpunkt nach vorne, während die Bauchmuskulatur auf Zug und weniger kräftig ist.
Besonders hilfreich ist Krankengymnastik in der Schwangerschaft außerdem bei:
- Beckengürtelschmerzen und Symphysenschmerzen
- Wassereinlagerungen in den Beinen
- Druckgefühl am Beckenboden
- Inkontinenz (Harnverlust beim Husten/Niesen/Lachen)
Wann Vorsicht geboten ist
Obwohl Physiotherapie grundsätzlich sicher ist, gibt es Situationen, in denen besondere Vorsicht geboten ist. Bei Risikoschwangerschaften, wie Mehrlingsschwangerschaften oder vorzeitigen Wehen, solltest du vor Behandlungsbeginn unbedingt ärztlichen Rat einholen. Auch bei akuten Blutungen, einer Plazenta-Prävia oder anderen Schwangerschaftskomplikationen ist von Physiotherapie abzusehen.
Tatsächlich sollten bestimmte Techniken in der Schwangerschaft generell vermieden werden. Dazu gehören intensive Wärmeanwendungen im Bauch- und Beckenbereich, bestimmte Formen der Elektrotherapie und Lymphdrainage im Bauchraum.
Rolle des Arztes bei der Verordnung
Um Physiotherapie von der Krankenkasse bezahlen zu lassen, benötigst du eine ärztliche Verordnung. Sowohl dein Gynäkologe als auch dein Hausarzt oder Orthopäde können dir bei medizinischer Notwendigkeit ein Rezept ausstellen. Seit Januar 2021 gilt ein einheitliches Verordnungsformular, auf dem Diagnose, Therapieform, Leitsymptomatik, Heilmittel und Häufigkeit vermerkt werden.
Die Verordnung ermöglicht dir in der Regel sechs Behandlungen, die du innerhalb von 28 Tagen beginnen solltest. Falls nötig, kann dein Arzt auch weitere Behandlungen verschreiben, ohne dass ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden muss. Alternativ kannst du Physiotherapie auch ohne Rezept auf eigene Kosten in Anspruch nehmen.
Welche Übungen besonders hilfreich sind
Gezielte Übungen in der Schwangerschaft lindern nicht nur Beschwerden, sondern bereiten deinen Körper auch optimal auf die Geburt vor. Viele Techniken kannst du leicht in deinen Alltag integrieren.
Sanfte Rückenmobilisation
Die Katze-Kuh-Übung ist besonders effektiv: Im Vierfüßlerstand wechselst du zwischen Rundrücken und Hohlkreuz, was die Wirbelsäule sanft mobilisiert und Verspannungen löst. Eine weitere wohltuende Übung ist das diagonale Strecken – dabei hebst du im Vierfüßlerstand diagonal Arm und Bein und kräftigst damit die tiefe Rückenmuskulatur. Der Rücken wird auch entlastet, wenn du dich über einen Gymnastikball lehnst und das Becken sanft kreisen lässt.
Beckenbodentraining für Stabilität
Ein starker Beckenboden ist während der Schwangerschaft und Geburt entscheidend. Die Fahrstuhlübung hilft, diese wichtigen Muskeln zu trainieren: Stelle dir vor, dein Beckenboden sei ein Fahrstuhl, der nach oben fährt – spanne zuerst die unterste Schicht an und ziehe die Muskulatur dann weiter nach oben. Auch die Schließmuskelbrücke ist effektiv – hierbei spannst du nacheinander die verschiedenen Bereiche deines Beckenbodens an.
Atemübungen zur Entspannung
Die tiefe Bauchatmung hilft bei Stress und bereitet dich auf die Geburt vor. Lege deine Hände auf den Bauch und atme bewusst in den Bauchraum ein. Bei der Wechselatmung verlängerst du die Ausatmung und verschließt abwechselnd ein Nasenloch. Solche Übungen helfen nicht nur bei Kurzatmigkeit, sondern können während der Wehen auch Schmerzen lindern.
Wassergymnastik und Pilates
Bewegung im Wasser ist ideal während der Schwangerschaft, da der Auftrieb dein Gewicht reduziert. Wassergymnastik entlastet die Gelenke und wirkt durch den Wasserdruck wie eine Lymphdrainage gegen Wassereinlagerungen. Pilates stärkt genau die Muskeln, die in der Schwangerschaft wichtig sind: Rücken, Bauch und Beckenboden.
Krankengymnastik Schwangerschaft: Was ist zu beachten?
Höre immer auf deinen Körper und überfordere dich nicht. Vermeide ab dem letzten Trimester Übungen in Rückenlage. Bespreche dein Trainingsvorhaben vorab mit deiner Ärztin oder Hebamme. Die Übungen sollten sich stets angenehm anfühlen und können je nach Schwangerschaftsphase angepasst werden.
Was vermieden werden sollte
Während eine aktive Schwangerschaft viele Vorteile bietet, gibt es bestimmte Bewegungen und Positionen, die du unbedingt vermeiden solltest. Denn trotz der Schutzfunktion des Fruchtwassers können falsche Belastungen deinem Körper und dem Baby schaden.
Gefährliche Bewegungen und Sportarten
Für schwangere Frauen sind besonders Sportarten mit hohem Sturzrisiko tabu. Dazu zählen Reiten, Skifahren, Inlineskaten und Klettern. Ebenso solltest du auf Aktivitäten mit abrupten Bewegungen wie Ball- und Kampfsportarten verzichten. Diese können zu unvorhersehbaren Zusammenstößen führen und gefährden dich und dein Kind.
Auch Übungen mit starker Anspannung der Bauchmuskulatur oder ruckartige Bewegungen sind ungeeignet. Während der Physiotherapie sollten außerdem intensive Wärmeanwendungen im Bauch- und Beckenbereich sowie bestimmte Formen der Elektrotherapie gemieden werden.
Rückenlage im letzten Trimester
Nach der 28. Schwangerschaftswoche solltest du längeres Liegen auf dem Rücken vermeiden. In dieser Position drückt die Gebärmutter auf die große Hohlvene (Vena cava), was den Blutfluss zum Herzen einschränkt. Dies beeinträchtigt nicht nur deine Sauerstoffversorgung, sondern auch die deines Babys.
Studien zeigen, dass die Rückenlage im letzten Trimester das Risiko für eine Totgeburt deutlich erhöhen kann. Achte auf Warnsignale wie Übelkeit, Schwindel, Kreislaufprobleme oder Atemnot – sie deuten auf ein Vena-Cava-Syndrom hin.
Überlastung durch falsche Haltung
Der wachsende Babybauch verschiebt zwangsläufig deinen Körperschwerpunkt, was zu ungünstigen Körperhaltungen führen kann. Ein breiter Stand, gekrümmter Rücken und eingerollte Schultern sind typische Fehlhaltungen, die Schmerzen verursachen.
Besonders kritisch ist das Heben schwerer Gegenstände. Falls du dennoch etwas aufheben musst, gehe dabei stets in die Knie und halte den Rücken gerade. Studien zeigen, dass mindestens die Hälfte aller Schwangeren unter Schmerzen im unteren Rücken leidet, die durch falsche Haltung verstärkt werden.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Physiotherapie während der Schwangerschaft weit mehr als nur eine Behandlungsoption bei Beschwerden ist. Vielmehr handelt es sich um eine ganzheitliche Unterstützung, die deinen Körper durch alle Veränderungen dieser besonderen Zeit begleitet. Besonders wichtig ist dabei die frühzeitige Prävention, bevor Rücken- oder Beckenschmerzen überhaupt auftreten.
Durch regelmäßiges Beckenbodentraining und gezielte Übungen zur Rückenstabilisation kannst du nicht nur akute Beschwerden lindern, sondern auch langfristigen Problemen wie einer Inkontinenz nach der Geburt vorbeugen. Gleichzeitig bereitest du deinen Körper optimal auf die bevorstehende Geburt vor. Dennoch ist es wichtig, stets auf deinen Körper zu hören und bestimmte Übungen, insbesondere im letzten Trimester, zu vermeiden.
Falls du unter Rückenschmerzen oder anderen typischen Schwangerschaftsbeschwerden leidest, zögere nicht, dir professionelle Hilfe zu suchen. Dein Gynäkologe kann dir ein Rezept für Physiotherapie ausstellen, sodass die Kosten in der Regel von der Krankenkasse übernommen werden. Alternativ kannst du auch selbst aktiv werden und die vorgestellten Übungen in deinen Alltag integrieren.
Letztendlich geht es darum, deine Schwangerschaft so angenehm und beschwerdefrei wie möglich zu gestalten. Mit der richtigen Unterstützung und einem bewussten Umgang mit deinem Körper kannst du diese besondere Zeit genießen und dich zugleich optimal auf die Zeit nach der Geburt vorbereiten. Denke daran: Ein starker Körper erleichtert nicht nur die Schwangerschaft, sondern unterstützt dich auch in der herausfordernden ersten Zeit mit deinem Baby.
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FAQs
Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit Physiotherapie in der Schwangerschaft zu beginnen?
Es wird empfohlen, zu Beginn des zweiten Trimesters mit pränataler Physiotherapie zu beginnen. Allerdings kann man grundsätzlich zu jedem Zeitpunkt nach der Empfängnis damit anfangen. Ein individuell abgestimmter Therapieplan berücksichtigt die spezifischen Bedürfnisse jeder Schwangerschaftsphase.
Welche Vorteile bietet regelmäßige Bewegung während der Schwangerschaft?
Regelmäßige Bewegung kann Rückenschmerzen und Kreislaufproblemen vorbeugen sowie Schwangerschaftsübelkeit lindern. Schwangere, die mindestens dreimal pro Woche für 30 Minuten Sport treiben, entwickeln seltener Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes.
Wie kann Physiotherapie bei typischen Schwangerschaftsbeschwerden helfen?
Physiotherapie kann gezielt bei Rückenschmerzen, Beckengürtelschmerzen und Wassereinlagerungen helfen. Durch spezielle Übungen werden Muskeln gestärkt, Verspannungen gelöst und die Körperhaltung verbessert. Auch Beckenbodentraining zur Vorbeugung von Inkontinenz ist Teil der Behandlung.
Gibt es Übungen oder Sportarten, die in der Schwangerschaft vermieden werden sollten?
Ja, Sportarten mit hohem Sturzrisiko wie Reiten, Skifahren oder Klettern sollten vermieden werden. Auch Aktivitäten mit abrupten Bewegungen oder starker Bauchmuskelanspannung sind ungeeignet. Im letzten Trimester sollten zudem längere Übungen in Rückenlage vermieden werden.
Warum ist Beckenbodentraining in der Schwangerschaft wichtig?
Ein starker Beckenboden ist während der Schwangerschaft und Geburt entscheidend. Regelmäßiges Training hilft, die Beckenbodenmuskeln zu kräftigen und zu entspannen. Dies kann nicht nur akute Beschwerden lindern, sondern auch langfristigen Problemen wie Inkontinenz nach der Geburt vorbeugen.